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Heimat und Region

Der Begriff der Region wird bisweilen verwechselt mit dem der Heimat. Dabei gibt es grundlegende Unterschiede. Die Region ist ein abgegrenztes Gebiet. Es kann sich um einen Landkreis handeln, um einen ganzen Staat oder um einen definierten Landstrich wie zum Beispiel die Lüneburger Heide.

Während die Region in erster Linie eine geografische Kategorie ist, bestimmt sich Heimat weit vielschichtiger. War Heimat früher in aller Regel an feste Dörfer und Städte gebunden, nicht selten den Geburtsort, so ist die Heimat in Zeiten hoher Mobilität ein wechselnder Ort. Menschen können mehrere Heimaten haben, nacheinander oder auch gleichzeitig, wir sprechen von Wahlheimaten. Diese Wahlmöglichkeit beinhaltet zwei Grundvoraussetzungen: Der Neubürger muss über die Bereitschaft verfügen, eine emotionale Bindung zu seinem neuen Wohnort zu entwickeln und die Alteingesessenen müssen gleichzeitig offen für den Zuzug, für Neues sein. Die moderne Heimat ist ein Ort der Integration, sie kennt im Gegensatz zur Region keine Grenzen.

Mehr Informationen zur Begrifflichkeit von Heimat, Region und Umwelt:

Clemens Küpper, "Heimat und Landschaft":

Clemens Küpper, "Heimat und Landschaft":

„Ende der 1990er Jahre schreibt Sloterdijk, dass die „Skale der Heimat“ variabel geworden sei. Heimat ist also nicht mehr an strikte Grenzen und einen bestimmten Ort gebunden. Stattdessen gebe es zwei extreme Positionen, zum einen die „eines Selbst ohne Ort“ zum anderen „die eines Orts ohne Selbst“ (Sloterdijk, 1999, 29). Das Selbst ohne Ort lässt auf seiner Suche nach einem verlässlichen Hafen das Bedürfnis nach Heimat steigen und bewusst werden. Die Orte ohne Selbst – die Transiträume – versagen als Identifikationspunkte, an denen sich ein Heimatgefühl manifestieren könnte. Nicht nur Sloterdijk sondern auch aktuelle Umfrageergebnisse (Kurbjuweit, 2012) verorten die Heimat immer weniger am Geburtsort. Stattdessen müsse sie durch „Lebenskünste und kluge Allianzen fortwährend neu erfunden werden“ (Sloterdijk, 1999, 28). Diese Entwicklungen erneuern aber auch das Verständnis von Heimat selbst. Es ist nicht mehr zwingend „die eine“ Heimat, man kann gleichzeitig auch mehrere Heimaten haben (Sandmeyer, 2004) und wesentlich leichter als früher kann man sich seine Heimat selbst aussuchen. In der Regel ist man nicht mehr an die geerbten Äcker gebunden, stattdessen wählt man zwischen zahlreiche Optionen, unter denen man sich die Umgebung aussucht, die den jeweiligen Ansprüchen entsprechend als „Wahlheimat“ taugen kann. Doch eine neue Wahlheimat hat einen Nachteil: Positive Erinnerungen an die Vergangenheit kann sie einem nicht bieten.

Quelle
KÜPPER, CLEMENS; Heimat und Landschaft
KuLaDig online
http://www.lvr.de/media/wwwlvrde/kultur/kulturlandschaft/kuladignw/dokumente_189/Heimat_und_Landschaft_endfassung.pdf

Prof. Hansjörg Küster, „Heimat“:

Prof. Hansjörg Küster, „Heimat“:

„In der dörflichen Welt früherer Jahrhunderte waren alle Menschen mit dem gleichen Ort ein Leben lang verbunden. Sie waren Mitglieder einer in sich abgeschlossenen Lebensgemeinschaft; sie hatten eine gemeinsame Heimat, die gleichen Sitten und Bräuche; sie kannten die gleichen Geschichten, die sich auf den Ort bezogen, in dem sie miteinander lebten. Von ihnen setzten sich die Fremden und die Heimatlosen ab. Heute leben die meisten Menschen nicht mehr in der Abgeschlossenheit eines Dorfes, sondern in einem städtisch geprägten Umfeld. Während ihres Lebens ziehen sehr viele Menschen mehrmals um; sie geben einen bisherigen Wohnort auf und binden sich an einen neuen. Dabei müssen sie jedes Mal überdenken, was ihre Heimat ist. Verlassen sie die eine Heimat und bekommen eine neue? Oder lebt die alte Heimat in ihnen fort? Wie geht man mit Veränderungen in der alten Heimat um, die man nicht mehr miterlebt?

Vielen Menschen wird bei solchen Überlegungen deutlich, dass ihr Geburtsort nicht ihr einziger Heimatort sein kann. Heimatliche Bindungen entwickeln sie auch zu ihren neuen Wohnorten. Das muss so sein, wenn sie dort integriert werden sollen und wollen. Sie wünschen sich den Kontakt zu anderen Menschen, die am neuen Wohnort leben. Diese sollten ihnen die Hände reichen. Das bedeutet: Die Alteingesessenen dürfen ihre Heimat nicht für etwas Exklusives halten, also für etwas, was man nicht mit anderen teilen kann.

»Heimat« darf nicht ausgrenzen, sondern hat mit Integration zu tun, die sich im Miteinander der Menschen und ihrer Umwelt ergibt. Nur derjenige, der eine Emotion für seinen Wohnort hat, kann sich dort wohlfühlen. Eine heimatliche Bindung entwickelt sich auf der Basis von Wissen: Man muss sich am Wohnort auskennen, damit man mit Nachbarn in ein Gespräch kommen kann, das über das Alltägliche hinausführt.

Ehemals, im traditionellen Dorf, deckten sich die Bereiche, die man Region, Umwelt oder Heimat nannte. Um den Heimatbegriff heute richtig einzuschätzen, muss man sich aber klarmachen, dass zwischen den Begriffen Heimat, Region und Umwelt wichtige Unterschiede bestehen. Die Region ist ein abgegrenztes Gebiet, etwa ein Landkreis oder ein Staat, auch ein von Geographen oder Planern definiertes Land, zum Beispiel die Lüneburger Heide.

Umwelt ist ein Begriff aus der Biologie oder Ökologie, bei dem es um funktionale Zusammenhänge zwischen den Lebewesen und ihrer Umgebung geht, auch um die Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer Umgebung. Im Gegensatz zur Region hat Umwelt keine Grenzen.
Heimat ist kein wissenschaftlicher Begriff, sondern er beschreibt die emotionale Bindung zwischen den Menschen und ihrer Umgebung. Heimat hat ebenso wie Umwelt keine Grenzen, Heimat ist nicht »operabel«, und in der Heimat gibt es keine wissenschaftlich beschreibbaren Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt. Auf der anderen Seite muss bedacht werden, dass weder die Region noch die Umwelt eine emotionale Bedeutung hat. Auch alle anderen Formen der Benennung von Regionen haben keine ähnliche emotionale Bedeutung wie der Begriff Heimat. Die im Begriff Heimat enthaltenen Emotionen sind wichtig. Wir brauchen daher den Heimatbegriff; denn nichts anderes bezeichnet die emotionale Bindung von Menschen an einen Ort oder einen Raum.“

Quelle
KÜSTER, HANSJÖRG; Heimat, Merkur 65 (741)
Klett-Cotta, 2011


Prof. Hansjörg Küster, „Heimat“:

Prof. Hansjörg Küster, „Heimat“:

„Der moderne Heimatgedanke hat nichts mit übersteigertem Nationalismus zu tun, sondern es geht heute stets darum, möglichst vielen Menschen eine emotionale Bindung an einen Ort zu ermöglichen, an dem sie einen Teil ihres Lebens verbringen. Diese emotionale Bindung brauchen wir im Zeitalter der Globalisierung. Nur über emotionale Bindungen entscheiden Menschen, warum sie an einem bestimmten Ort leben oder auch investieren wollen.

Es sollte immer wieder deutlich gemacht werden, was die Besonderheit eines bestimmten Landstriches ausmacht. Menschen brauchen dieses Wissen: Sie wollen nicht dort leben, wo das Leben und die Umgebung beliebig sind. Sie bleiben nicht dort, wo es aussieht wie überall. Sie wollen das Bewusstsein haben, an einem einmaligen Ort zu leben, auch wenn sie dies nur für ein paar Jahre ihres Lebens tun. Die Menschen brauchen Identifizierungspunkte, die sie immer wieder aufsuchen und die sie ihren Besuchern zeigen − und auf die sie stolz sind. Stolz ist eine sehr wichtige Emotion.
Wichtig also ist es, dass man sich in der heutigen Welt darüber klar ist, dass Heimat, Region und Umwelt, aber auch Landschaft, Land, Vaterland, Heimatland unterschiedliche Bedeutungen haben. Wenn wir den Begriff Heimat von allem Patriotischen, Regionalen und Ökologischen trennen, wird besonders deutlich, wozu wir ihn brauchen: nämlich für die Gewinnung von Emotionen als Basis der Integration.

Jeder Mensch kann im Lauf des Lebens mehrere Heimaten erwerben. Es ist wichtig, die Geschichte um den Heimatbegriff zu klären, denn dies dient der Überwindung der Unsicherheit bei seiner Verwendung. Unter anderem bei der Frage, ob wir es schaffen, Wege und Irrwege in der Anwendung des Heimatbegriffes aufzuzeigen, erweist es sich, ob wir den Weg von der bäuerlichen zur globalen Gesellschaft konsequent gegangen sind und weiter gehen − und dabei Aspekte von Nachhaltigkeit und Tradition berücksichtigen.“

Quelle
KÜSTER, HANSJÖRG; Heimat, Merkur 65 (741)
Klett-Cotta, 2011